Guter Hirte ? - von Rudolf Salzeder



Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes (Joh 10,1-10)


In jener Zeit sprach Jesus:
Amen, amen, das sage ich euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.
Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe.
Ihm öffnet der Türhüter, und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus.
Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus, und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme.
Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen.
Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.
Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen.
Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört.
Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.
Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.




 

Die Türe, die sich öffnet

Liebe Mitchristen,


Eine Schafherde, die hinter ihrem Hirten herzieht,  ist heutzutage eher eine relativ seltene, fast exotische Erscheinung, das Bild einer eher fremden Welt für uns. Außerdem: Wer möchte schon Schaf in der Herde sein? Das klingt nach gedankenlos hinterher trotten, nicht wissen, wohin es geht, versorgt aber entmündigt sein, Verzicht auf eigenes Denken, auf eigene Entscheidungen, auf Freiheit und Selbständigkeit.

Dieser Negativeindruck ändert sich allerdings rasch, wenn man auf das heutige Evangelium genauer hinhört.
Da ist die Rede von der Tür und von der Stimme.
Zunächst stellt sich die Frage: Wie kann sich Jesus als die „Tür“ bezeichnen?
Gehen wir einmal vom Gegenteil aus: Wie schlimm ist es, wenn die Türe zugefallen ist, wenn man nur noch verschlossene Gesichter sieht, am Arbeitsplatz, in einer Gemeinschaft, sogar in der eigenen Familie. Die Gefühle sind eingefroren, als ob Eiszeit wäre. Es herrscht eine bedrückende Stimmung, in der kein Zugang zum anderen möglich ist und kein Gespräch aufkommt. Es sind die Herzen, die verschlossen sind.
Anders ist es, wenn sich die Herzen öffnen. Da redet man gerne miteinander, da kann man von sich erzählen, da fließen Gefühle. Es tut allen gut, noch mehr: wir tun einander gut, ohne uns anzustrengen. Es braucht eine entsprechende Atmosphäre, die wir nicht auf Kommando herstellen können.
Darum geht es Jesus. In seiner Nähe können Menschen aufatmen entsprechend seinem Wort: „Kommt alle zu mir, die ihr unter Lasten stöhnt, ich will auch ausruhen lassen“ (Mt 11, 28). Die Kraft seiner Ausstrahlung verändert das Klima unter denen, die ihm begegnen. Sie fühlen sich in seiner Nähe angenommen, bejaht und beschützt und können sich einander öffnen. Es geht irgendwie von selbst.
Wenn man aufatmen kann, dann ist der Druck weg, die Angst, die Kälte und die Gleichgültigkeit. Sobald Menschen Interesse, Zuwendung, Gewissheit und Wärme erfahren, fühlen sie sich frei und nicht mehr bedroht und können ihr Eigenes einbringen.
Das Anliegen Jesu ist nicht, die Menschen einer strengen Disziplin zu unterwerfen, zum Gleichschritt in der Herde, sondern die Türen der Herzen für Gott und für einander zu öffnen und dies mit der Kraft seiner Persönlichkeit, seiner Güte und Weite.

Hierher gehört auch das Bild von der Stimme des Hirten. An der Stimme erkennen die Schafe ihren Herrn. Eine Stimme am Telefon kann uns schon sagen, wer es ist, der /die da mit uns spricht, je nachdem die Stimme fremd oder vertraut klingt, ob Angst oder Freude mitschwingt. Die Stimme ist immer ein Signal, ob sich Nähe auftut oder ob man in Distanz bleibt. In der Stimme ist der ganze Mensch, Leib und Seele, sein Denken und sein Gefühl enthalten. Die Stimme ist etwas vom Allerpersönlichsten.

Wer in der Gemeinschaft Jesu nur mitläuft, weil sie einen versorgt, wird von dem, das Jesus schenken will, sehr wenig erfahren, zumindest nicht das Leben in seiner Dichte, Tiefe und Schönheit. 
Mit den Dieben und Räubern, vor denen Jesus warnt, könnten jene gemeint sein, denen das Glück des einzelnen gleichgültig ist. Der Hirte einer Gemeinde kann leicht der Versuchung erliegen, alles nur darauf anzulegen, möglichst viele in die Herde zu holen, ohne zu verstehen, was das einzelne Mitglied wirklich bewegt. Im guten Glauben und im Gutmeinen kann man auch Ängste erzeugen und Feindbilder aufbauen, die Schafe immerfort antreiben, sie nicht zur Ruhe kommen lassen und sie einem scheinbar edlen Ziel opfern. Jeder, der Verantwortung für andere übernimmt, sollte sich kritisch fragen, ob es ihm darum geht, was für den andern gut ist oder um eigene Macht und Einfluss. Der entscheidende Punkt ist, ob der Respekt vor dem einzelnen gewahrt wird.
Jesus stellt sich als der gute Hirte vor, der die Angst nimmt und dem man sich anvertrauen kann. Er übergeht die Welt des einzelnen nicht, sondern bringt sie zur Entfaltung und zum Aufblühen. Er spricht die Menschen im allerpersönlichsten Bereich an, weil dort der Schlüssel für das Schicksal eines jeden und der Gemeinschaft liegt.                

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