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Predigt zum 2. Fastensonntag

Liebe Schwestern und Brüder,

Fastenzeit ist eine Zeit der Bekehrung. Die Fastenzeit steht jedes Jahr unter der großen Überschrift der Bekehrung. Wir werden jedes Jahr in der Fastenzeit eingeladen, uns zu bekehren. Und von was, wohin, wie sollen wir uns bekehren?

Am vergangenen ersten Fastensonntag hörten wir es im Evangelium, wie Jesus sagte: Die Zeit ist erfüllt! Das Reich Gottes ist euch nahe! Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium. Aus diesem Ausruf Jesu verstehen wir, dass Bekehrung gleich Glauben ist. Und zwar glauben an das Evangelium, Glauben an Gott und daran, dass sein Reich uns nahe ist, also zum Greifen, zum Erleben, zum Hineintreten.

Darum geht es also in der Fastenzeit für uns Christen, neu, tiefer, zuversichtlicher an Gott glauben.

Dieser Sonntag und die kommenden Sonntage stellen uns Erzählungen, Darstellungen, Haltungen vor, die uns die Wirklichkeit Gottes vor Augen führen. Und wir werden auch eingeladen, an diese Wirklichkeit teilzunehmen!

Durch den Glauben an Gott, gibt es ein Mehr zu entdecken, ein Mehr nicht mit zwei e, sondern mit einem h und e. Wir sind von Mehr umgeben, als wir es vor Augen sehen oder in der Hand halten können.

Im Evangelium hörten wir heute, wie Jesus drei seinen Jünger auf den Berg Tabor mitnimmt, um ihnen dieses Mehr zu zeigen. Zusammen mit seinen Jüngern befindet sich Jesus auf den Weg nach Jerusalem, dem Ort, dort, wo er zuerst feierlich empfangen wird, ein paar Tage später aber verraten, verleugnet und verlassen wird. Dort werden seine Jünger Jesus ohnmächtig, beraubt aller Würde am Kreuz gehängt erleben. Was sie nun auf dem Berg sehen, soll sie für das Bevorstehende in Jerusalem stärken. Auf dem Berg Tabor sehen Petrus, Jakobus und Johannes Mehr als sie von Jesus sonst kennen: Jesus strahlt in Herrlichkeit. Die Farbe weiß ist die Farbe des Lichts, das Jesus ausstrahlt. Der bysantinische Theologe, Grigore Palama sagt diesbezüglich: Jesus hatte Zeit seines Lebens diese Herrlichkeit, Erhabenheit und Strahlkraft. Bloß nicht alle Menschen um ihn konnten diese seine göttliche Herrlichkeit sehen, wahrnehmen. Dem Petrus, Johannes und Jakobus wird die Gnade geschenkt, dass sie Jesus in seiner ganzen Herrlichkeit sehen.  

Es ist die Herrlichkeit, die Schönheit, die Erhabenheit Gottes, ja die Wahrnehmung seiner Präsenz, die in einem tiefen Wohlgefühl von Frieden und Glück versetzt. Deswegen sagen die Jünger auf dem Tabor: Lass uns hier 3 Hüten bauen. Denn uns geht es gut hier, Herr.

Es gibt also ein Mehr als wir es momentan in der Hand halten können und vor uns sehen können. Unsere Welt, so wunderschon sie ist, ist auch nur ein kleines, blasses Abbild der Realität Gottes. Und dieses Mehr entdecken, erfahren, erleben zu können, das verheißt den Glauben an Gott.

Teil der Bekehrung ist also das neu offen werden für dieses Mehr, für das Reich Gottes.

2017 wurden europaweit junge Leute zwischen 18 und 34 Jahren so gefragt: „Könnten Sie ohne Glauben an einen Gott glücklich sein?“. Wie, schätzen Sie, fiel das Ergebnis aus? In den elf ausgewählten Ländern antworteten 85 Prozent mit „Ja“. Am „gottlosesten“ zeigten sich die jungen Belgier und Luxemburger mit über 90 Prozent. Ihnen folgten die Spanier (89 Prozent), dann die Tschechen, die Schweizer, die Franzosen und die Italiener (86 Prozent). Deutschland war hier nicht aufgeführt.

Ich meine hier, vielleicht wurde die Frage auch falsch den jungen Leuten und überhaupt gestellt, denn glücklich sein, darunter versteht jeder etwas anders, z.B. auch sich selbst genügen, niemanden fürs eigene Glück brauchen.

Ob es Gott gibt oder nicht, spielt für die jungen Menschen keine Rolle. Solche Leute nennt man seit einiger Zeit „Apatheisten“. Die Frage nach der Existenz eines Gottes ist für sie bedeutungslos, weil sie keine nachprüfbaren Konsequenzen hat. „Es ist mir schlicht egal, ob es einen Gott gibt oder nicht“, sagt jemand. „Selbst wenn er (Gott) bei mir zum Kaffee vorbeikäme, würde sich nichts für mich ändern.“.

Dieser Haltung gegenüber stellt Paulus in der Lesung heute eine andere Haltung. Wir hörten: „Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ Diese Worte waren mir so vertraut wie unerreichbar weit weg. Sie hätten also, wie bei einem Apatheisten, „keine nachprüfbaren Konsequenzen“ für mich … Ich weiß: Ganz groß und richtig sind diese Worte des Paulus. Aber die meiste Zeit lassen sie auch mich kalt zurück.

Und darin ist die Bekehrung wiederum notwendig. Ich brauch nicht auf die Jungen Leute allein mit dem Finger zeigen, die meinen ohne Gott glücklich zu sein. Ich muss mich selbst da überprüfen!

Als Franziskaner betete ich im Kloster mit meinen Mitbrüdern am 17. September, den sehr speziellen Gedenktag der Stigmatisierung des Heiligen Franz von Assisi, also das Gedächtnis, dass Franz die Wundmale Christi empfing, folgendes Gebet: „Herr Jesus Christus, du hast, als es in der Welt kalt wurde, unsere Herzen durch das Feuer deiner Liebe zum Glühen gebracht …“ Als es in der Welt kalt wurde… Und wie steht es mit der Welt heute? Wie mit der Kirche? Wie ist das bei mir persönlich? Da kann ich mich nicht einfach raushalten und nur jammern: die Welt ist kalt geworden...

Mir dämmert mehr und mehr, wie nötig ich dieses alte Gebet habe: Wenn es kalt wird in dieser Welt, in unserer Kirche, in meinem Herzen: Bitte! Entzünde in mir das Feuer deiner Liebe! Und nicht nur in mir: Ich denke an Menschen wie die befragten jungen Leute. Und beginne zu ahnen, was Paulus zu diesen beinahe hymnischen Worten bewegt haben mag: „Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ So kann einer nur schreiben, wenn sein Herz vom Feuer, das wir Liebe nennen, erfasst ist. Worte aus einem Herzen, das brennt. Als es in der Welt kalt wurde, hast du unsere Herzen durch deine Liebe zum Glühen gebracht.

Kurz nach unserem Lesungstext wird es Paulus auf den Punkt bringen: „Was kann uns also scheiden von der Liebe Christi?“ (Röm 8,35). Gar nichts – absolut gar nichts wird uns von Christi Liebe scheiden können. Nicht einmal die „Kälte“ (Röm 8,35) meines Herzens oder das Apatheismus. Diese Aussage von Paulus sollte für mich, für uns einen Grund zur Bekehrung darstellen.

Hermann Hesse hat das, worauf es dabei ankommt, pointiert ins Wort gebracht. In seiner Erzählung „Klingsors letzter Sommer“ sagt Klingsor zum Maler Luigi: „Schau, wenn du nicht einige solche Sachen gemalt hättest, dann würden alle guten Essen und Weine und Weiber und Kaffees dir nichts helfen, du wärest ein armer Teufel. (…) Aber es ist doch nicht so. Es ist ganz anders. Man überschätzt das Sinnliche. (…) Das Sinnliche ist um kein Haar mehr wert als der Geist, so wenig wie umgekehrt. Es ist alles eins, es ist alles gleich gut. Ob du ein Weib umarmst oder ein Gedicht machst, ist dasselbe. Wenn nur die Hauptsache da ist, die Liebe, das Brennen, das Ergriffensein, dann ist es einerlei, ob du Mönch auf dem Berg Athos bist oder Lebemann in Paris.“ (Hesse, Klingsors letzter Sommer, S. 25f)

Die Liebe lässt keinen kalt. Diese Liebe spürt Paulus. Und sagt mir: Wie immer es in meinem Herzen aussieht, wie immer es auch stehen mag um den Glauben oder „Nicht-Glauben“ eines Menschen: von der Liebe Gottes trennt uns nichts.

Vielleicht, um dieses unbegrenzten, unbedingten Liebe Gottes, erfassen zu können, erspüren zu können, wie sich das anfüllt, da müssen wir selbst suchen zu lieben. Das bedeutet Bekehren. Dazu werden wir in der Fastenzeit auch konkret eingeladen.

So wie jeden Tag empfohlen ist, Vitamine zu sich zu nehmen, zu lachen, sich was guten zu tun, so wird uns nahe gelegt keinen Tag vergehen zu lassen, ohne geliebt zu haben. Amen! Das kursiv Geschriebene ist dem Text von Norbert Blome entnommen aus der Zeitschrift „Die Botschaft heute 12 2020“ S. 504.