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Besuchsverbot, Einsamkeit, Verzweiflung - Erfahrungen von Diakon Peter Walter

"Das war die schlimmste Zeit meines Lebens, als ich drei Wochen nicht zu ihm konnte und er dann gestorben ist " hat die Witwe bereits im Mai zu mir gesagt, nachdem ich ihren Mann beerdigt hab.
Mit solchen und ähnlichen Aussagen bin ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Diakon dieses Jahr immer wieder konfrontiert worden. Mir hat das wahnsinnig leidgetan, ich war zutiefst betroffen und erschüttert. Kann man jemand in dieser Situation trösten hab ich mich oft gefragt? und dabei versucht mich in mein Gegenüber rein zu fühlen.
Jetzt hab ich es selbst erlebt bzw. erleben müssen, wie das ist, als   mein Vater nach einem Unfall ins Krankenhaus eingeliefert worden ist und wir nicht zu ihm konnten und durften. Für uns als Angehörige der Horror. Es war ein "Auf und Ab", ein Zittern und Bangen. Gefühle wie Traurigkeit, Schmerz, Enttäuschung, aber auch Wut und Ohnmacht habe ich bzw. wir alle mit – und durchgemacht. Trostworte gab es nicht, mir half „nur“ das Gebet.
Nettes überlastetes Personal hat mich dennoch auf dem Laufenden gehalten und auch die Krankenhausseelsorgerin.
Aber trotzdem, nix is ganga! Keine Chance zu meinem 90 jährigen Vater zu kommen. Meine Gefühlswelt ist komplett durcheinandergewirbelt worden, eigentlich war ich  - wir alle - am Ende … vor allem dann, als sich der Zustand meines Vaters verschlimmert und "zugespitzt" hat.
Keine Chance aufgrund der momentan gesetzlich geltenden Bestimmungen in seine Nähe zu kommen, ihm beizustehen, Hoffnung zuzusprechen oder bei und mit ihm zu beten.
Tagtäglich Statistiken, Zahlen, Inzidenzwerte und aktuelle Meldungen, die ich schon gar nicht mehr lese. Dafür aber Leserbriefe und da mal jemand geschrieben:  „Fußballmillionäre liegen sich in den Armen … “ Ich hab nichts gegen Fußball, im Gegenteil ... aber in diesem Kontext ist unzähligen Menschen gerade jetzt der Zugang in Krankenzimmer zu Angehörigen wegen "Corona" "abgeriegelt" … auch auf Intensivstationen, wenn noch kein Sterbevorgang zu erkennen bzw. absehbar ist. Der Wahnsinn!
Ich denk dabei auch an all die Ärzte und das Pflegepersonal. Wie geht es ihnen, wenn sie vermutlich tagtäglich bittenden, fragenden und vielleicht auch weinenden Angehörigen den Zugang "verweigern" müssen!! und sich vielleicht selbst denken: das ist ja unmenschlich!
Nach sechs Tagen war es dann („endlich“) soweit: Papa lag im Sterben und wir durften zu ihm … seine Frau, meine Schwester und ich … es war der Heilige Abend.  Am gleichen Tag – es war der Heilige Abend.  Nachdem Mama und meine Schwester Abschied genommen haben durfte ich ihn mit meiner Tochter beim Sterben begleiten.
"Fürchtet euch nicht“ hat es im Evangelium am Heiligen Abend geheißen, „denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zu teil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren, es ist der Christus, der Herr"   
Eine gute Nachricht, eine frohe Botschaft, die Menschen ganz unterschiedlich gefeiert haben.
 „Froh“  - wenn ich das so bezeichnen kann - war ich auch, dass mein Vater das alles „überstanden“ hat  - aber zu welchen Bedingungen?  Jetzt ist er dort ist, woran er als Christ geglaubt hat.
Mein Glaube hilft mir all „das“ irgendwie zu verarbeiten, es ändert jedoch nichts, was wir durchgemacht haben … und das „hängt“ nach … und das gleiche müssen Menschen weiterhin tagtäglich durchmachen.
Warum schreibe ich das? Weil diese menschlichen Tragödien in der Presse nur am Rande erwähnt werden. Weil es mir besser geht und ich mich mit all den Menschen, die das Gleiche durchgemacht haben – oder noch müssen – solidarisieren will und für sie bete.