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Predigt zum Christkönigfest 2020 von Pfarrer Anghel

Es geschah in den Niederlanden. Die Machthaber des Dritten Reiches hatten das Land besetzt. Vor allem für die Juden, die ihren Stern sichtbar an ihrer Kleidung tragen mussten, war die Zeit der Unterdrückung gekommen. Ihnen war es verboten, sich auf irgendeine Weise ungenehmigt Essen zu verschaffen. Weil die Mutter aber zum Geburtstag ihres Mannes gern Äpfel gehabt hätte, erklärte sich der 8jährige Sohn Jopie bereit, das Risiko auf sich zu nehmen und Äpfel kaufen zu gehen. Jopie war klein und konnte für einen 6- oder 5jährigen Jungen gehalten werden. Kinder unter 5 Jahre brauchten keinen Judenstern zu tragen. So machte sich Jopie in einer alten Strickjacke auf den Weg, um in einem Gemüseladen 2 Kilo Äpfel zu kaufen. Wenn er nach seinem Namen gefragt würde, hatte ihm die Mutter erklärt, sollte er sagen: Ich heiße Jong. So könnten auch andere Kinder heißen. Gesagt, getan. Als der Junge im Laden ankam, musste er lange warten. Als er an der Reihe kam, sagte er hastig: „Zwei Kilo Äpfel bitte.“ Beim Abwiegen fragte ihn die Verkäuferin: „Wie heißt du denn, Kleiner?“ - „De Jong“ antwortete er schnell. „Nein!“, lachte die Frau, „ich meine deinen Vornamen“. Damit hatte er nicht gerechnet. Er wusste nicht, ob Jopie ein typischer jüdischer Vorname war und somit verraten würde, dass er ein jüdisches Kind ist. Vorsichtshalber wollte er deshalb diesen Namen nicht nennen. „Na, sag es nur“, lächelte ihn die Frau an. „Ich heiße … Jesus“, sagte er dann heiser.
„Damit die Botschaft unser Herz erreicht“ von Paul Jakobi, Seite 97

Ich heiße Jesus – das fiel dem kleinen Jopie schnell ein. Und er konnte dann ruhig mit den gekauften Äpfeln heimkehren.
Ob der kleine Jopie dieses Evangelium von heute gekannt hat, ob er gewusst hat, dass Jesus sich mit den kleinen, unterdrückten, verfolgten, kranken und armen Menschen identifizierte? Vielleicht hat er das Evangelium schon mal gehört, vielleicht auch nicht.
Ihm fiel in dem gefährlichen Moment das ein, was Jesus kund tut: Er ist eins mit den Geringen. Und er ist anders König, als man von Königen für gewöhnlich erwartet.
Jesus erzählt im heutigen Evangelium, wie er am Ende der Zeiten als König in seiner Herrlichkeit erscheinen wird, begleitet vom himmlischen Hof der Engel. Er wird sich auf den himmlischen Thron setzen und alle Völker werden sich vor ihm versammeln. Alle Menschen, die jemals gelebt haben auf dieser Erde, werden vor ihn treten. Egal, ob sie Christen sind oder Moslems, Juden oder Hindus oder Buddhisten, egal ob sie an Gott geglaubt haben oder nicht, gleich, ob sie Demokraten oder Republikaner, CSU, SPD oder AFD Mitglieder waren, alle werden vor seinem Thron vorstellig werden. Und weil er König ist und die Macht dazu hat, wird er alle Menschen in sein Himmelreich aufnehmen, damit sie auf ewig leben, ohne einen Unterschied zu machen, indem er fragt, welcher Religion jemand angehört, oder welchem Volk und Nationalität, oder ob er gläubig oder nicht gläubig war. Die einzige Bedingung für die Aufnahme in das ewige Leben, in der Herrlichkeit des Himmels ist, ob jemand Hungrige gespeist, Durstigen zu Trinken gegeben, Menschen ohne Kleidung angekleidet, Kranke und Gefangene besucht hat. Und die Aufzählung könnte weiter geführt werden auch mit Menschen in anderen Notsituation: Kinder und Jugendliche, die gemobbt werden, Familien, die aus ihrer Heimat vertrieben werden. Mit all diesen Menschen identifiziert sich Jesus.
Was macht also das Königsein Jesu aus? - Barmherzigkeit und Liebe zu den Kleinen und Schwachen, Kranken und Verfolgten - das macht das Königsein Jesu aus.
Und eines macht das Königsein Jesu auch noch aus, nämlich: die Gerechtigkeit. Jesus ist nicht parteiisch! Er schaut nicht auf Konfessions- und Religionszugehörigkeit, auf die Abstammung des einzelnen, sondern, wie gütig und barmherzig wir mit unseren Mitmenschen sind. Und zu dieser Gerechtigkeit erscheint es mir wichtig, noch etwas zu erwähnen.
Diese Woche hörte ich einen neuen Spruch, den ich noch nicht kannte. Der Spruch heißt: Gutheit ist ein Teil der Liederlichkeit. Das würde meinen, ließ ich mir sagen, man muss aufpassen, dass man in seinem Gutsein nicht ausgenutzt wird, über den Tisch gezogen wird. Erwiesene Gutheit kann auch Unordnung, Nachlässigkeit fördern, sowie, den anderen in seiner Mündigkeit und Fähigkeit nicht ernst zu nehmen. Not kann einem vorgemacht werden. Die empfangene Hilfestellung kann einen bequem machen und fördern, dass er seine Haltung zur Arbeit, zur Selbsthilfe nicht ändert. Es gibt Menschen, die sich deswegen schämen und sich genieren, eine Hilfestellung zu empfangen, obwohl sie tatsächlich bedürftig sind, weil sie eben nicht als faul oder unfähig erscheinen wollen. Es gibt aber auch Menschen, die mit dem Mitleid und der Hilfsbereitschaft anderer spielen und diese schamlos ausnutzen, siehe der Enkeltrick und Telefonbetrug. Das verwirrt und hemmt den Sinn der Hilfsbereitschaft. Ist der andere tatsächlich in der Not oder gaukelt nur etwas vor? Und es gibt auch Menschen, die die Not anderer Menschen verursachen durch Gewalt, Hass, Krieg gegen das eigene Volk, wie in Syrien, auf größerer Ebene. Und auf kleinerer Ebene durch Gemeinheit, Gedankenlosigkeit, Egoismus und Herrschsucht in Betrieben und Einrichtungen, in Kirche und Politik, aber auch in manchen Familien, Schulklassen, Arbeitsplätzen.
Liebe Schwestern, liebe Brüder, liebe Kinder und Jugendliche, die Erzählung Jesu im heutigen Evangelium über ihn selbst als König bezieht sich nicht nur auf das eine Mal im Himmel, am Ende der Zeiten, irgendwann. Jesus fordert uns schon jetzt, in diesem Leben, heraus, einen Sinn für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu haben: Wie bin ich barmherzig, wie lasse ich mich vom Not des anderen bewegen? Wie bin ich korrekt, aufrichtig, als Chef, als Politiker, als Mensch, damit der andere nicht abhängig von mir wird, arm und nackt und obdachlos wird? Jesus geht es als König um die Würde eines jeden Menschen. Darauf macht er aufmerksam, wenn er im Evangelium sagt: In dem in Lumpen, in dem Ausgegrenzten, in dem Vertriebenen, in dem am Boden liegenden Menschen bin ich anwesend. Jede und jeder hat eine königliche Würde, weil ich, Christus, mit ihm mich identifiziere. Jesus ist ein König, dem nicht die tiefen Verneigungen und sonstigen Bewunderungen antun, wenn dahinter nichts steckt. Vielmehr nimmt er uns ernst, ermutigt uns zur Mündigkeit und Ebenbürtigkeit mit Ihm, durch Eigenverantwortung Herz und Vernunft zu gebrauchen. „Statt Querdenken – Mitdenken“ war neulich auf einen Plakat von einer Gegendemo zu sehen. Das fordert Jesus auch von uns. Mitdenken, Mitempfinden und Mithelfen mit der Achtung der Würde des anderen und nicht querschießen.
Bitten wir Christkönig für uns, für jeden Menschen, dass er uns seinen guten, heiligmachenden Geist gibt, damit wir uns unserer königlichen Würde bewusst sind, danach leben und die Würde anderer, besonders der geringen, kleinen und in Not geratenen Menschen achten und ihnen beistehen. Amen!