Drucken

Gedanken zum Evangelium nach Matthäus zum 29. Sonntag im Jahreskreis von Rudolf Salzeder

Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!

In jener Zeit kamen die Pharisäer zusammen und beschlossen, Jesus mit einer Frage eine Falle zu stellen. Sie veranlassten ihre Jünger, zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen:

Meister, wir wissen, dass du immer die Wahrheit sagst und wirklich den Weg Gottes lehrst, ohne auf jemand Rücksicht zu nehmen; denn du siehst nicht auf die Person. Sag uns also: Ist es nach deiner Meinung erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht?

Jesus aber erkannte ihre böse Absicht und sagte: Ihr Heuchler, warum stellt ihr mir eine Falle? Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt! Da hielten sie ihm einen Denar hin. Er fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie antworteten: Des Kaisers. Darauf sagte er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!

Liebe Mitchristen,

wer Jesus an der Nase herumführen will, der muss schon früher aufstehen. So leicht lässt er sich nicht aufs Glatteis führen. Und dabei war die Geschichte toll eingefädelt. Man stellte ihn einfach vor die Entscheidung zwischen dem Kaiser und dem Staat auf der einen und Gott und der Religion auf der anderen Seite. Und egal, für welche Seite er sich jetzt entscheidet, entweder die römischen Machthaber oder die Repräsentanten der Religion fallen über ihn her.

Toll eingefädelt. Nur so leicht lässt sich Jesus eben nicht aufs Glatteis führen.

Mit meisterlicher Perfektion umschifft er in dieser Begebenheit des heutigen Evangeliums sämtliche Klippen und Hindernisse, mit denen seine Fragesteller ihn aufs Kreuz zu legen versuchten. Wie ein Aal schlüpft er ihnen durch die Finger, doch interessanterweise jetzt nicht dadurch, dass er irgendwelche leeren Floskeln dahersagt, genialer weise dadurch, dass er zielsicher die Fragestellung als falsch entlarvt und zwar mit entwaffnender Einfachheit.

Nicht der Kaiser oder Gott, Nicht der Staat und die Menschen oder der Glaube und die Religion - Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott was Gottes ist.

Christ sein heißt nicht, sich zwischen Gott und der Welt zu entscheiden, auch wenn dieser Irrtum selbst heute noch überall verbreitet ist. Glaube heißt nicht, sich auf das Geistige und Mystische zu konzentrieren, und schon gar nicht, sich auf fromme Selbstbespiegelung zurückzuziehen.

Jesus Christus macht deutlich, mein Leben in der Gesellschaft und meine religiöse Überzeugung, mein Glaube an Gott müssen ein Ganzes ergeben.

Christ sein heißt, im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott die Verantwortung für die Welt, die Verantwortung für den anderen Menschen ernst zu nehmen. Und das in den verschiedensten Spielarten, die unsere Gesellschaft und unser Leben heute zulässt. Für mich ist dieser Gedanke sehr wichtig und aktuell, weil gerade heute und vor allem unter religiös denkenden Menschen eher eine gegenteilige Bewegung festzustellen ist.

Ein Rückzug in spirituelle Kuschelecken, eine Reduktion aufs Private scheint unaufhaltsam auf dem Vormarsch zu sein. Immer stärker wird dieses Denken, als wäre Einflussnahme auf Staat und Gesellschaft, als wäre Politik nichts für uns Christen und das ganz besonders bei uns Katholiken.

Alles, was auch nur im Entferntesten nach Macht riecht, wird oftmals als anrüchig und verpönt betrachtet und der Ruf nach der machtfreien Gesellschaft wird immer lauter.

Die Erfahrung von entarteter Macht in unserer Geschichte und auch heutzutage - schauen wir z.B. nach Belarus – hat uns möglicherweise einen objektiven Blick für positive Macht verstellt. Denn keine Macht zu haben, ist Ohnmacht. Ohne Macht zu sein, heißt ohnmächtig sein. Wenn das aber erstrebenswert sein soll, wenn letztendlich alle ohne Macht sein sollen - ich frage mich, wer dann überhaupt noch etwas macht. Etwas zu bewirken, etwas zu erreichen, etwas zu bewegen ist doch an die Voraussetzung gebunden, dass ich die Möglichkeit dazu habe, dass ich dessen mächtig bin, dass ich die Macht dazu habe.

Und ich bin davon überzeugt, dass gerade meine Verantwortung vor Gott mich in die Pflicht nimmt, etwas zu machen. Sie fordert mich geradezu dazu auf, dafür zu Sorge zu tragen, ja sogar dafür zu streiten, dass der Mensch dem Menschen ein Mitmensch wird. Sie fordert es geradezu, sich in aller Öffentlichkeit in Gottes Namen auch dafür einzusetzen.

Ich will nicht neben dran stehen, weder als Mensch noch als Christ, ich will nicht teilnahmslos dabei stehen, wenn neben mir die Weichen für die Zukunft gestellt werden, wenn über das Schicksal von Menschen entschieden wird. Ich will nicht einfach unkritisch und bequem "Ja" und "Amen" sagen, wenn über die großen Probleme unserer Zeit Entscheidungen fallen (ich nenne nur Corona-Pandemie, Flüchtlingskatastrophe, Klimawandel oder auch nur die kleinen Bedürfnisse in unserer Gemeinde usw.), ich will mein Gewicht, und sei es noch so gering mit einbringen. Wie es bei uns und in der Welt weitergeht wird nicht unwesentlich davon abhängen, ob und wie wir Christen unserer Verantwortung vor Gott und den Menschen gerecht werden. Ob und wie wir Christen unserer Stimme in der Öffentlichkeit Gewicht verleihen.

Auch der berühmte Satz vom "Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!" hat nichts damit zu tun, dass Christentum und Kirche sich aus der Politik und den Verstrickungen der Welt herauszuhalten hätten. Gott zu geben, was Gott gehört, heißt nämlich gerade nicht, sich gleichsam auf eine geistliche Insel zurückzuziehen und dem im Verborgenen wohnenden Gott seine Opfer und Gebete zu weihen.

Gott zu dienen heißt, dem Menschen zu dienen - und nicht nur ein paar Gläubigen, sondern allen, gerade denen, die es eben notwendig haben. Gott will keine Insel der Seligen, er will eine menschlichere Welt und das für alle Menschen.

Nur wer wirklich die Menschen im Blick hat und das Leben der Menschen fördert, nur der kann von sich sagen, dass er unserem Gott gibt, was diesem Gott gehört, jenem Gott nämlich, der von sich gesagt hat, dass wir genau das ihm getan haben, was wir einem seiner geringsten Brüder und Schwestern haben zukommen lassen.

Man wirft uns vor - ganz besonders unserer Kirche -, dass wir in all den Jahrhunderten viele große, geschichtliche Augenblicke und Herausforderungen verschlafen hätten, und wahrscheinlich ist vieles da gar nicht von der Hand zu weisen. Ob man auch unserer Generation von Christen später den Vorwurf machen kann, dass auch wir den Kopf in den Sand gesteckt und zu den entscheidenden Fragen geschwiegen hätten, das entscheidet sich nicht in fünfzig Jahren, das entscheidet sich heute.