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Wir leben in einer Welt der Schuldlosen - Gedanken von Diakon Peter Walter

Niemals zuvor haben so viel Menschen in unserer Wohlstandsgesellschaft im Vergleich zu vielen anderen so viel besessen. Zugestellte Wohnungen, vollgestopfte Kleiderschränke und Schubladen. Der Buchmarkt reagiert mit Ratgebern, die versprechen: entrümpeln macht glücklich. „Weniger ist oft mehr“ … mehr Natur, mehr Zeit, mehr Konzentration auf das Wesentliche. "Wer wenig besitzt, wird umso weniger besessen" hat schon Friedrich Nietzsche einmal gesagt.
Und so taucht sie gerade jetzt immer wieder mal auf … die alte Menschheitsfrage: womit kann oder will man das eigene Leben füllen? Mit dem, was uns die Werbung verspricht? Das was der Nachbar hat? Womit kann, will oder muss man das eigene Leben füllen?  Gerade jetzt … Kredite, Schutzmasken, Home office, Telefonieren oder Videokonferenzen?
Was ist mir persönlich wichtig und  … auf was kann ich verzichten?                 
Die Welt ist aus den Fugen: Hyperkonsum, Turbokapitalismus, falsche Wachstumsziele, katastrophale CO2-Bilanzen und Berge von Plastikmüll. Das große Ganze bleibt kompliziert – auch nach Corona - aber im eigenen Leben kann man ganz gut "entrümpeln", aussortieren … vielleicht gerade jetzt.
Aussortieren … nicht nur alte T-Shirts, Regale im Keller … vielleicht auch so manche Glaubenssätze des Konsums oder jetzt bei Gelegenheit die, die bisher immer nur das eigene "Ich" interessiert hat.
Apropos "aussortieren" … kann man an Herrgott – und ich werd' in der Seelsorge immer wieder damit konfrontiert – eigentlich auch aussortieren? Na ja, vielleicht nicht ganz … "nur" auf d'Seite legen … "ablegen" … so nach dem Motto: vielleicht braucht ma EAM ja doch mal (wieder).
"Gott ist Luxus" schreibt der Theologe Rainer Bucher. "Er ist überflüssig, weil man ihn in modernen, gesicherten Wohlfahrtszeiten nicht braucht, um gut leben zu können".  Ist das wirklich so?  
Und dennoch taucht sie auf … die Frage – vielleicht gerade jetzt zu "Coronazeiten" – warum lässt da Herrgott des ois zu?
Menschen setzen Gott also auf die Anklagebank, nachdem viele durch ihr Verhalten längst erklärt haben, dass ER sie gar nicht (mehr) interessiert oder für sie nicht existiert. Ist das nicht inkonsequent? Steuert ER den Welthandel, während die einen nach strengen Diäten abspecken wollen und die anderen an Hunger sterben? Ist ER schuld, wenn Menschen, um ihrer eigenen Machtbesessenheit andere in der Öffentlichkeit bloß stellen? Hat ER das zu verantworten, wenn Regenwälder vernichtet, Rückstände von Pflanzenschutzmittel an Obst und Gemüse nachgewiesen werden oder Genmanipulation betrieben wird? Ist ER schuld, wenn große Konzerne ihre Produktion ins Ausland verlagern, um noch billiger produzieren zu können? Ist er verantwortlich, wenn Gletscher schmelzen und Bauern jetzt schon um ihre Ernte Angst haben?
An einen Gott, der auf der Anklagebank sitzt und herhalten muss, während Menschen auf dem Richterstuhl Platz nehmen glaub' ich nicht!    
Kein Mensch – und ich denk' es ist auch gut so - kann mim Herrgott eine Leidverhinderungsversicherung abschließen. Gott bewahrt nicht vor dem Leid, sondern im Leid. Deswegen ist Gott in Jesus Mensch geworden, also einer von uns, d.h. er hält's mit uns aus, er trägt alles mit. Und ER ist kein Schönwettergott, der sich verzieht, wenn's unbequem wird, so wie's manchmal bei Menschen geschieht …
"Und muss ich auch wandern in finsterer Schlucht … du bist bei mir" … (Ps 23,4) so hat König David voll Gottvertrauen mitten in seinen größten Krisen geschrieben, wo andere vielleicht eher rufen würden: warum?  
Der Herrgott will uns Menschen nichts "reinwürgen" oder womöglich "abwatschn". Er ist kein strafender Gott, so wie's die Kirche leider viel zu lang' verkündet hat, um Kontrolle und Macht auszuüben.
Und wer an einen Gott glaubt, der eine frauenfeindliche, männerdominierte und zölibatäre Hierarchie gewollt haben soll, der kann genauso an den Osterhasen glauben", hat Pfarrer Stefan Jürgens einmal (meiner Meinung nach sehr treffend!) auf'n Punkt gebracht.
Gott hat uns Massstäbe für optimale Lebensqualität gegeben die man ernst nehmen kann oder auch nicht … "Und Gott sah alles, was er gemacht hatte und siehe, es war sehr gut". (Gen 1,31)  Gottes Massstäbe funktionieren ähnlich, wie Naturgesetze, aber wenn Menschen, wie "Gott sein wollen" (vgl. Gen 3,4-5), all das ignorieren, können sie und leider auch andere zu Schaden kommen … werden "infiziert".
"Grenzüberschreitung" -  könnt' man sagen - schon damals im Paradies, aber auch weiterhin, im wahrsten Sinn des Wortes ... und das zieht "Ärger" nach sich und ist (bzw. wird) teuer.
Gott sieht in den Menschen keine Roboter oder Marionetten, die nach seiner Pfeife tanzen müssen, sondern ein Gegenüber. Und er hat uns allen mit einem freien Willen ausgestattet, um selbst zu entscheiden.
Leider leben wir vielfach in einer Gesellschaft der "Schuldlosen", d.h.  niemand ist's gewesen, einer schiebt's auf den andern. "Klimaschutzkonferenzen "verpuffen" und Menschen leben vielfach weiterhin nach eigenen Werten und Gesetzen. Menschen haben – biblisch formuliert - selbst das "Paradies" verlassen.
Der Erfolg wird weiterhin aufs eigene Konto gebucht, während Leid und Katastrophen vielfach IHM angelastet werden.  Wer fragt eigentlich: warum lässt Gott all das Gute und Schöne zu?
Ich denk nicht nur an die Delphine in Venedig, die Wale vor Kroatien’s Küste oder den blauen Himmel, den Kinder in China s‘erste Mal sehn können. Schaun wir vor unsere Haustür im Berchtesgadener Land, für mich ein Geschenk hier leben zu dürfen. Gelt's Gott.
"Gott ist zwar unsichtbar, doch an seinen Werken, der Schöpfung, haben die Menschen seit jeher seine göttliche Macht und Größe sehen und erfahren können. Deshalb kann sich niemand damit entschuldigen, dass er von Gott nichts gewusst hat“!  (Röm 1,20)
Ekkehart Vetter hat mal gesagt: „wir nehmen die Weltbrände nicht zur Kenntnis, bevor nicht unser eigenes Fleisch anfängt zu kohlen".  Und es "kohlt" … weltweit, auch vor unserer Haustür – nicht nur zu "Corona" - in allen Bereichen … auch innerhalb der Kirche.
Ich frag' mich – wie viele andere auch: was ist nach "Corona", wenn es nicht mehr "kohlt?" Asche ist bekanntlich ein guter "Nährboden" … was soll daraus/darauf "wachsen", wenn wieder "Normalbetrieb" herrscht? Was lernt die Menschheit und vor allem, was wird tatsächlich "danach" umgesetzt?
Ein nachdenklicher Text bringt's auf den Punkt.   
Mein Name ist Covid 19, aber Ihr kennt mich wahrscheinlich unter dem Namen Corona Virus. Entschuldigt mich für mein vorwarnungsloses Erscheinen. Ich war es Leid zu sehen, wie ihr euch zurückentwickelt anstatt aus dem was euch gegeben wurde, was Gutes zu machen. Ich war es Leid zu sehen, wie ihr euch kontinuierlich mit euren eigenen Händen zerstört. Ich war es Leid zu sehen, wie ihr diesen Planeten behandelt. Euch gegenseitig behandelt, eure Gewalt, eure Kriege, eure zwischenmenschlichen Konflikte, eure Vorurteile. Ich bin nur auf der Durchreise, aber der Zusammenhalt und das Gefühl der Liebe, der Zusammenarbeit. Ich habe es in so kurzer Zeit erreicht aber es soll für die Ewigkeit halten. Lebt euer Leben so einfach wie nur möglich, geht langsam, atmet tief, tut gutes, genießt die Natur, tut was euch gefällt und erfüllt. Wenn ihr wieder anfangt zu leben, zu feiern, werd' ich schon fort sein, aber vergesst niemals nur bessere Menschen zu sein, wenn ich präsent bin". (Quelle WhatsApp-Verteiler, Ciad Sond Covid-19, Urheber unbekannt)

Lb. Leser/innen, "seid gewiss – verspricht uns Jesus – "ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28, 20), mit und ohne "Corona".                                  
Peter Walter, Diakon im Pfarrverband Anger -  Aufham – Piding

 

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